Sybille M.

Erst wenn die Seele befreit ist, gibt sie Geheimnisse preis, ich danke meiner Therapeutin sehr für ihre große Geduld, für ihre Kompetenz.

Sybille M. (Name von der Redaktion geändert) scheint ein „gutes“ Leben zu führen: Ehe, Kinder, Enkel, ein schönes Heim – alles scheint in Ordnung. Doch schon lange spürt Sybille M., dass irgendetwas nicht stimmt. Als sich der diffuse Leidensdruck immer weiter steigert und sich sowohl in depressiven Verstimmungen als auch psychosomatisch äußert, wendet sie sich an eine Heilpraktikerin für Psychotherapie.

 

Frau M. warum haben Sie sich an eine Heilpraktikerin für Psychotherapie gewandt?

Da muss ich etwas ausholen. Ich war im 63. Lebensjahr. Meine drei erwachsenen Töchter hatten nach guten Schulabschlüssen ihren Platz im Leben gefunden. Ich war mehr als 40 Jahre verheiratet und wir hatten vier Enkel. Die Kinder kamen oft zu uns zu Besuch, weil unser Haus und Grundstück für alle einen Erholungswert hatte. Alles schien in Ordnung. Doch mir ging es nicht gut - wie so oft in meinem Leben. Ich kam sehr schnell an die Grenzen meiner Belastbarkeit. So war es schon immer. Konflikte z.B. am Arbeitsplatz überforderten mich schnell und führten meist dazu, dass ich ihnen aus dem Weg ging. Ich wechselte dann den Arbeitsplatz, statt mich dem Problem zu stellen.

 

Spiegelte sich das auch in Ihrem Privatleben wider?

Unsere Familie führte ich. Trotzdem kam es in der Ehe immer wieder zu unerträglichen Situationen für mich, in denen ich völlig hilflos dem Geschehen ausgeliefert war. Dann dachte ich an Trennung, tat aber nichts. Immer wieder hatte ich depressive Phasen. Dann saß ich gelähmt in der Wohnung und weinte ohne erkennbaren Grund.

Nach der Wende wurde ich arbeitslos. Mein Mann hatte unklare gesundheitliche Probleme und bekam eine Überweisung zum Psychologen. Da ich schon wusste, dass ich als Lebenspartnerin irgendwie verstrickt war in sein Problem, ging ich gleich mit in Therapie. Aus dieser Therapie wurde ich so gestärkt entlassen, dass ich aus eigener Kraft wieder eine gute Arbeit in meinem Beruf als Erzieherin fand, die ich fast zehn Jahre ausführte. Dann kam ich wieder an meine Grenzen und ging freiwillig aus der Krankschreibung in die Rente mit Abzügen.

Bald darauf wurde meine Mutter zum Pflegefall. Mein Vater war schon lange tot. Er starb mit 59 Jahren an Krebs. Ich nahm meine Mutter zu mir in der Hoffnung, unser Mutter-Tochter-Verhältnis könnte sich bessern. Das Zusammenleben mit meiner Mutter brachte mir Kindheitserinnerungen ins Bewusstsein, die ich vergessen hatte. Meine Mutter zog sich wieder mehr in sich zurück und in mir entstand ein Gefühlschaos.

 

Und damit waren Sie allein und mussten auch allein eine Lösung finden?

Nach etwa vier Jahren gab ich meine Mutter wieder weg, völlig am Ende meiner Kräfte und im Gefühl, versagt zu haben. Meine problematische Ehe war noch problematischer geworden. Ich ließ mich von meinem Mann immer wieder klein machen. Zwischen uns ging gar nichts mehr. Aber meine Gedanken an Trennung führten wieder zu nichts. Wir hatten Haus und Grundstück, die mein Mann weder verlassen noch verkaufen würde. Mich auszahlen konnte er auch nicht. Meine kleine Rente hätte nicht zum Leben gereicht, also mussten wir beide klarkommen!

 

Wann haben Sie sich professionelle Hilfe gesucht?

Meine Grübeleien steigerten die Schlafstörungen erheblich. In dieser Situation sah ich in einem Laden einen Flyer mit der Überschrift „Hypnotherapie nach Milton Erickson“. Was ich mir konkret darunter vorzustellen hatte, war mir nicht klar, aber eine Heilpraktikerin bot psychotherapeutische Hilfe an bei Schlafstörungen, Selbstwertstörungen, Beziehungsproblemen und mehr. Das war mein Strohhalm in großer Not. Ich rief an und bekam gleich einen ersten Termin. Das war im März 20I0.

 

Wie haben Sie das erste Gespräch empfunden?

Ich hatte in Frau J. B. eine verständnisvolle und geduldige Zuhörerin gefunden. Sie hörte sich meine Lebensgeschichte an, stellte Fragen und machte Aufzeichnungen. Später kam auch Hypnose zur Anwendung. Bis dahin hatte ich eine völlig andere Vorstellung davon. Da ich in der Gesprächstherapie schon große Erleichterung verspürt hatte, war ich sofort bereit, mich auf weitere Angebote einzulassen. Ich erreichte leicht den Trancezustand, den die Therapeutin anstrebte, um in mir nach den Ursachen meiner Lebensprobleme zu suchen.

 

Wie entwickelte sich die Therapie weiter?

Ich hatte einmal wöchentlich eine Sitzung. In dieser Zeit las ich viel über Psychologie und über Möglichkeiten der Therapie. Ich wollte wissen, was mit mir geschah und wie es ablief. Ich wollte wissen, was mit mir nicht richtig war. Nach etwa einem halben Jahr war ich der Meinung, meine Ehe ist wieder im Lot und das Ziel der Therapie wäre erreicht.

Frau B. sagte mir damals, dass es noch etwas anderes gebe, dass man mich mal sehr verletzt haben müsse. Sie fragte mich, ob ich weitermachen wollte. Ich wollte weitermachen.

 

Welche therapeutischen Maßnahmen wurden eingesetzt?

Sie wendete verschiedene therapeutische Techniken an, deren Namen mir aber nicht geläufig sind. Ich erinnere mich z.B. an EMDR, was bei mir gut funktionierte. Weiter fällt mir eine Familienaufstellung ein, wo ich verschiedene Rollen einnahm. Nach diesem Familienstellen wollte ich an Wunder glauben. Als ich nämlich danach nach Hause kam, empfing mich mein bis dahin sehr abweisender Ehemann sehr freundlich an der Haustür. Er hatte bereits das Hoftor geöffnet, so dass ich mit dem Auto gleich unter das Carport fahren konnte. Wie war das möglich? Die Wand zwischen uns war weg.

 

War das die Lösung des Kernproblems?

Noch nicht. Ich machte eine längere Pause; dann wurde die Therapie fortgesetzt. Wir suchten nach einem Anhaltspunkt für die Ursache meiner permanenten Lebensprobleme. In dieser Zeit hatten sich meine Schlafstörungen nicht verbessert, aber verändert. Mir kamen immer wieder Traumbilder ins Bewusstsein, an die ich mich nach dem 

Aufwachen auch deutlich erinnerte. In den Sitzungen kamen meine Träume ins Gespräch. Mein Unbewusstes gab so nach und nach Erinnerungen frei, was meist zu Hause im Ruhezustand oder in den Einschlafphasen und vor dem Aufwachen geschah.

Und dann eines Tages wurde in mühseliger Kleinarbeit das Unglaubliche erkennbar. Ich war sexuell missbraucht worden. So nach und nach meldeten sich die Bilder in mir. Zuerst traute ich meinen eigenen Erinnerungen nicht. Darum holte ich mir einen Termin bei meinem alten Gynäkologen, um ihn zu befragen. Er bestätigte mir, dass es diese gynäkologische Reihenuntersuchung für Landfrauen in der DDR wirklich gegeben hatte. Meine Mutter hatte mich mit vierzehn oder fünfzehn dort vorgestellt, aber kein Wort mit mir darüber gesprochen.

Auf dem Stuhl wurde ich gefragt, wie viele Geburten ich hatte. Meine Antwort war „eine“. Jeder wird nur einmal geboren. Ich verstand die Frage nicht, aber die sonderbare Situation war wieder in meiner Erinnerung. Es stellten sich mir nun unzählige Fragen. Meine Mutter musste von dem Missbrauch gewusst haben. Sollte es mein Vater gewesen sein? Meine Amnesie war so gründlich, dass sie immer noch anhielt.

 

Können Sie schildern, wie Sie sich in der Therapie dem belastenden Kern-Problem genähert haben?

So nach und nach entlockte mir meine Therapeutin die Wahrheit, die ich bis dahin nicht wusste. Mein alkoholkranker Vater missbrauchte mich etwa ab dem dritten Lebensjahr. Meine zwei Jahre jüngere Schwester bekam mein Kinderbettchen, weil sie nicht mehr im Kinderwagen schlafen konnte. Ich wurde ins Ehebett geholt. Da setzen meine Erinnerungen ein. Sie enden etwa zehn Jahre später. Ich erzählte Frau B. von einem Traumbild, dessen Sinn sich mir nicht erschloss. Ich sah mich vor einer geöffneten Tür stehen. In der Tür stand ein großer Mann ganz in schwarz mit einem langen Mantel.

In der nächsten Nacht kam das Bild noch einmal. Nun saß ein Totenkopfäffchen zu Füßen des schwarzen Mannes. Ich verstand noch immer nicht, das Bild zu deuten. Erst die Therapeutin sagte mir, dass es auf eine Nahtoderfahrung hindeute. Danach suchte ich gedanklich in dieser Richtung. Mir kam eine Episode vor Augen, an die ich mich schon vor längerer Zeit erinnert hatte. Meine alte Erinnerung war unvollständig. Ich hatte gesehen, wie ich meinen betrunkenen Vater weggestoßen und mein Bett verlassen hatte und in den äußersten Winkel einer Bodenkammer geflüchtet war. Jetzt wurde klarer, was damals geschah. Ich hatte in Todesangst gehandelt. Um nicht beim Oralsex unter dem Ungeheuer zu ersticken, hatte mein Überlebenswille mich stark genug sein lassen. Meine Geschwister und meine Mutter waren unmittelbar zugegen. Alle haben mich in Stich gelassen in meiner Not. Meine Mutter hatte als Mutter kläglich versagt. Sie und meine beiden Geschwister grenzten mich in der Familie immer aus. Zu meinem großen Glück gab es zwei kinderlose alte Leute, die ich zu meinen Wahlgroßeltern gemacht hatte, die mich auffingen, liebten und mir Sicherheit gaben.

 

Fühlten Sie sich auch nach dieser Erkenntnis bei Ihrer Therapeutin gut aufgehoben?

Die Therapie zog sich über vier Jahre hin, immer mit langen Pausen. Stets wenn ich Hilfe brauchte, war Frau B. für mich da. Es gab viele Bereiche meiner Seele, wo Heilung nottat. Eine, wie ich meine, wichtige Erfahrung stellte sich in einer der letzten Sitzungen ein. Es war eine EMDR-Übung, in der ich mich in eine der schlimmen Situationen der Kindheit hinein versetzen sollte. Da geschah es, ich sah ganz deutlich, wie ich mir selbst geholfen habe. Ich war nicht mehr das hilflos ausgelieferte Kind. Der Teil meines Ichs war erwachsen geworden, endlich mit sechsundsechzig Jahren! Darauf hatte die Therapeutin sehr lange hin gearbeitet und sie hatte es schwer mit mir.

Es ist Zeit vergangen. Mein Mann ist gestorben und ich habe mich als fast Siebzigjährige noch mal ganz neu orientiert. Ich lebe ein ganz anderes Leben als früher. Ich habe eine wunderbare neue Beziehung, bin gesund und zufrieden mit dem letzten Kapitel meines Lebens.

Übrigens hatte man mich am Ende meiner ersten Therapie gefragt, ob ich missbraucht worden war. Meine Antwort lautete damals, dass ich das ja wissen müsste. Ja, aber ich wusste es nicht wegen der Amnesie. Heute weiß ich, erst wenn die Seele bereit ist, gibt sie ihre Geheimnisse frei. Die umfassende Amnesie ermöglichte mir ein relativ normales Leben.

 

Gibt es noch etwas, was Sie Ihrer Therapeutin mitteilen möchten?

Ich danke ihr sehr für ihre große Geduld, für ihre Kompetenz, die sie mir gegenüber zeigte und dafür, dass sie mir eine große Lebenshilfe war, mich aufzufangen, zu stabilisieren und mich in meinem Leben weiterzuentwickeln.

Ich kenne in meinem Lebensumfeld die Menschen, denen man psychotherapeutisch aus ihren Nöten helfen könnte. Es will aber keiner darauf angesprochen werden. Dieses Feld ist immer noch negativ besetzt.

Wir bedanken uns herzlich, dass wir Ihre sehr persönliche Geschichte erzählen durften und wünschen Ihnen für Ihren weiteren Weg alles Gute!